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Prof. Dr. Gustav A. Horn, wissenschaftlicher Direktor, Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung, Hans-Böckler-Stiftung

Auszug aus dem Vortrag "Zur Anatomie der Krise"

[...] Es war keine Währungskrise, die entstanden ist, sondern eine globale Finanzkrise. Ich will Ihnen jetzt zeigen, wie deren Verlauf war.

Ausgelöst wurde sie durch die Einschätzung, die sich zunehmend auf den Märkten breit machte, dass beispielsweise die Subprime-Kredite, die in den USA auf dem Immobilienmarkt vergeben wurden, doch einer soliden Bonitäten mangelten. Die Ausfallraten stiegen.

Und Sie wissen ja, in den USA ist es relativ leicht, einen Kredit platzen zu lassen als Schuldner im Immobilienbereich. Sie haften nur mit dem Haus, das sie gekauft haben. [...] Das Ergebnis ist, Sie verlieren das Haus, das gehört dann der Bank. Aber sie haben keine weiteren Schulden. [...] Solange das nur einzelne machen, ist das alles kein Problem. Aber wenn sich das zu einem Massenphänomen entwickelt, wissen Sie auch, dass der Wert des Hauses dann sehr schnell sinkt. Und genau das ist das Problem gewesen.

Mit dem Ausfall der Kredite kamen die Banken in Schwierigkeiten und insbesondere die Besitzer jener verbrieften Wertpapiere, die weltweit vertrieben worden waren. Und so breitete sich die Krise weit über den ursprünglichen Anlass hinaus aus. Wir hatten die Welt durch diese neuen Staatspapiere infektionsanfällig gemacht. Was früher vielleicht in einer regionalen amerikanischen Krise geendet hätte, endete jetzt in einer weltweiten, weil die Risiken eben durch systematischen Risikotransport weltweit verbreitet waren.

[...] Was dann passierte, ist eine Vertrauenskrise, die sich ausbreitet zwischen den Finanzmarktakteuren. Wenn die Kredite ausfallen und die Finanzmarktakteure in Schwierigkeiten geraten, dann traut keiner mehr dem anderen. Dies zeigte sich am drastischsten auf dem Inter-Banken-Markt, dort wo sich Banken wechselseitig Geld leihen –ein völlig normaler Prozess, im Zuge eines Liquiditätsmanagements. Normalerweise leiht man sich dort Geld zum Zentralbankzinssatz und die Differenz ist immer in der Nähe von Null.

Wenn ich aber der Bank misstraue, der ich Geld leihe, dann verlange ich einen Risikoaufschlag. Mit anderen Worten, jeden Tag haben die Banken sehr viel Geld verbrannt. Denn das kriegten sie nicht wieder rein. Und das hat den ganzen Banken-Ausleihe-Sektor in eine globale Existenzkrise gebracht.

Und das ist der Grund, warum wir Rettungsmaßnahmen in diesem Sektor machen mussten. Das wird zwar heute manchmal bestritten, aber die Alternative wäre der Zusammenbruch des weltweiten Finanzsystems – und das kann niemand wollen. Und es war erfolgreich. Die Panik ist gewichen. Wir haben es geschafft, die Panik aus dem System zu nehmen. Das hatte alles seinen Preis, aber die Existenzkrise ist vorbei.

Solche Krisen zeichnen sich durch so genannte Deflationsprozesse aus, die ich hier kurz streifen will.

  • In einer Krise versucht jeder zu sparen. Jeder versucht, das Geld zusammenzuhalten. Das ist kein Problem, solange es der einzelne tut, so lange es ein Unternehmen tut, so lange es ein Haushalt tut. Wenn alle es gemeinsam tun, heißt dies im Klartext, die wirtschaftliche Aktivität fällt, weil niemand mehr Ausgaben tätigt.

  • Auch die Schulden will man abbauen in einer solchen Situation. Man will nicht mit Schulden durch eine solche Krise gehen. Mit anderen Worten: Alle versuchen zu tilgen. Kein Problem für Banken, wenn es einer tut. Kein Problem, wenn es ein Unternehmen tut. Wenn es alle gleichzeitig tun wollen, gerät das Geschäftsmodell in Gefahr.

  • Ebenso: Keine Kredite mehr. Die Banken wollen keine Kredite mehr vergeben. Viel zu riskant in einer solchen Situation. Ein viel zu hohes Risiko. Also werden die Kredite zurückgefahren. Unternehmen mangelt es an der Finanzierung vieler Geschäfte. Das haben wir in dramatischer Weise für den Außenhandel gesehen. Viele Exportgeschäfte werden zwischenfinanziert von Banken, weil das Geld noch nicht fließt. Das wurde nicht mehr gemacht.

  • Und die Kostendeflation: Unternehmen fangen an, Kosten zu senken. Sie fangen an, Menschen zu entlassen, Lohnkürzungen zu beschließen. Das hilft einzelnen Unternehmen, wenn sie es tun. Es hilft aber nicht der Gesamtwirtschaft, denn das heißt, dass wiederum die Einkommen der Beschäftigten fallen und damit weitere Konsummöglichkeiten vernichtet werden. [...]